Freitag, 11. Dezember 2015



by Martina Schönegge



Afrikas Kinder.. Sie sind, wie es die Kinder Europas auch mehr oder weniger sind, je nach Herkunft und Umfeld. Eins haben alle gemein: sie sind neugierig, manchmal zügellos und wild, manchmal scheu und unsicher. Ich selbst habe keine Kinder bekommen, und tatsächlich kommt es vor, dass diese kleinen Wesen mir Angst machen. Sie sind ehrlicher als jeder Erwachsene und bisweilen unberechenbarer als das Wetter am Meer. Mangels Erfahrung im Umgang mit möglichen Herausforderungen, die aus dieser Mischung entstehen können, ist das, was ich mir für die Kinder in Have ausgedacht habe, neben all dem Spaß, den ich mir davon erhoffe, auch echte Herausforderung für mich.  Ghana war mein zweiter Ausflug nach Afrika, auch mein zweiter Hilfseinsatz in einem privat motivierten Projekt. Beim ersten Mal, da war ich in Guinea, hat mich in den Schulen am meisten entsetzt, dass die Lehrer mit Stöcken in die Klassenräume gingen und sie auch gebrauchten. Es war schrecklich und ich durfte nicht eingreifen. Das habe ich in Ghana zum Glück nicht erleben müssen, auch, wenn das dort bestimmt ebenfalls passiert. Und dann der Unterricht. Weil die Kinder meistens keine eigenen Bücher haben und auch nur selten Stifte und Papier, spielt sich alles an der Tafel ab. Der Lehrer überträgt seitenweise Text aus einem Buch darauf, den die Kinder rezitieren müssen, bis sie ihn auswendig können. Ab und zu gibt es ein Diktat. Mathematik und Sprache, wissenswertes über Tiere, Früchte, die Welt, alles in weißer Kreide auf einer Tafel im Halbdunkel. Wer hinten sitzt, sieht wenig. Für eigenes Denken ist wenig Raum.
Eine 1 ist eine 1, eine 2 eine 2, und anders als bei uns gibt es nicht die visuelle Brücke zu dem, was eine 1 bedeutet, nämlich z.B. 1 Apfel, 2 Bananen… Die Zahlen bleiben abstrakt und viele Kinder haben lange Probleme, den Zahlen eine Bedeutung in ihrer Realität zu geben. Manchmal können sie es als Erwachsene noch nicht. Der Unterricht ist frei von jeglicher Fantasie, die Wege der Gedanken klar vorgegeben von Tafel und Lehrer.
Aber Kinder wären nicht, was sie sind, ohne ihre unerschütterliche Neugierde und sobald sie uns erblicken, das ist mein Eindruck, erwachen sie aus ihrem Schulkoma. Denn wenn Sonja, Nadine, Nicole und ich ein Schulgelände betreten, sehen wir, wie sich in den Klassenräumen ihre Köpfe drehen und das Weiß ihrer Augen uns aus dem Halbdunkel anleuchtet. Es hält sie kaum auf den Stühlen, und hätten sie nicht so einen Heidenrespekt vor der Strafe durch den Lehrer, stünden sie dichtgedrängt an den Fenstern, um keine einzige unserer Bewegungen zu verpassen.
Diese Kinder. Das Herz geht mir auf, wenn ich sie sehe. Ihr Leben ist so anders als das der jungen Menschen hier. Sie haben so vieles nicht, was für uns als selbstverständlich gilt.  Wie schön wäre es, ihnen Unterricht schenken zu können, wie er unseren Kindern hier zur Verfügung steht. Doch das geht leider nicht, und so habe ich entschieden, ihnen wenigstens im kleinen Rahmen etwas von unseren Möglichkeiten zu überbringen: Wir arbeiten mit Malfarbe, denn das ist ein Medium, das es dort an den Schulen nicht gibt. Kunstunterricht wird nicht erteilt. Nicht nur, weil es nicht Teil des Lehrplans ist, sondern es gibt schlicht kein Material dafür. Wie schön, dass wir alles per Palette auf dem Schiff vorausgeschickt haben. Wie schön, dass alles angekommen ist! Leinwände, Malblöcke, Buntstifte, Acryl-Farben und Pinsel sind da. Trotzdem möchte ich erwähnen, dass das Ganze eine logistische Herausforderung war. Wasser für die Pinsel, Gefäße für das Wasser, Lappen zum Abwischen, Unterlagen für die Schreibpulte… Das alles gibt es dort in der Schule nicht und musste vorher bedacht und besorgt werden. Und dass uns in den Klassen der Schweiß die Beine herunterlief, erwähne ich nur der Vollständigkeit halber…
Mein Plan ist, verschiedene Projekte mit verschiedenen Klassen durchzuführen. Wir befinden uns in Alfreds Schule, einer Grundschule. Die Klassen richten sich hier nicht etwa nach dem Alter des Kindes, sondern danach, ob es im ersten, zweiten oder dritten Jahr die Schule besucht. Manche Kinder kommen sehr jung in die erste Klasse, andere mit Verspätung. Das macht es etwas schwierig für mich, denn ich muss versuchen, die Materialien und Projekte so zu verteilen, dass es am besten zum jeweiligen Altersdurchschnitt passt. Wir starten mit einer Klasse, deren Schüler noch recht klein sind. Lotti, Karo, Nadine und Esenam haben mir am Vortag geholfen, aus der Pappe unserer Transportkisten Fische auszuschneiden. Die sollen heute bemalt werden und dann, so der Plan, nageln wir sie an die Klassenwand. Alle Fische „schwimmen“ in eine Richtung, bis auf einen. Dem Lehrer erzähle ich, was ich vorhabe, dass der eine Fisch, der da in die andere Richtung schwimmt, Stoff für einen Unterricht über Anderssein etc. birgt… Und hoffe, dass er versteht, um was es mir geht. Denn auch das ist sicher nichts, was man hier im Unterricht lernt…
Zum Mischen der Farbe versammeln wir uns um das Lehrerpult. Grün entsteht aus Blau und Gelb. Orange aus Rot und Gelb… Ich lasse einzelne Schüler die Farben nach Anleitung mischen. Und dann sehe ich, wie ihre Augen größer werden, wenn da plötzlich eine neue Farbe entsteht, und fühle pures Glück. Der Teller mit der Farbe hat 100%ige Aufmerksamkeit, fast ein magischer Moment. Alle sind voller Erwartung auf das, was kommt. Doch bevor es an die Fische geht, machen wir ein paar Malübungen und schreiben das ABC. Das hängen wir dann über der Tafel auf.
Die Fische gelingen im Anschluss aufs Beste. Sogar Alfred, der Leiter der Schule, greift zum Pinsel, ebenso der Klassenlehrer. Das ist gut so, denn wir möchten, dass die Lehrer auch ohne uns weiterhin Malunterricht geben. Material ist ausreichend vorhanden. Allerdings ist hier niemand im Umgang mit Farbe und im Unterrichten von Kunst geschult. Das ändern wir, indem wir die Lehrer aktiv integrieren und genau das tun lassen, was auch die Kinder tun. Nadine ist eine große Hilfe und hält die kleinen Künstler hoch konzentriert, indem sie von Zeit zu Zeit ein musikalisches Intermezzo einpflegt und alle singen lässt. Danke, Nadine, darauf wäre ich nicht gekommen. Keines der Kinder hat Lust, dass der Unterricht zu Ende geht. Aber irgendwann klingelt die Pausenglocke und wir machen uns auf zur nächsten Klasse. Hier sind die Kinder älter, und sie werden die Leinwände bemalen, die wir mitgebracht haben. Auch hier beziehen wir den Lehrer mit ein. Drei Kinder arbeiten an einer Leinwand, die ich in entsprechende Felder aufteile. Einzige Aufgabe: Möglichst alle Farben verwenden und nichts darf mehr weiß sein. Der Lehrer teilt sich eine Leinwand mit George und weist die Kinder an, zunächst mit einem Stift vorzuzeichnen, was sie malen wollen. Ich bin überrascht. So viel Präzision? Darum geht es hier gar nicht. Ich greife kurzentschlossen zum Pinsel und mache vor, was gemeint ist. Und der Lehrer bekommt dazu eine kleine Einweisung in das, was ich „sich mal mit Farbe austoben“ nenne. Er soll Spaß haben und genießen, was die Farben auf der Leinwand machen, seiner Fantasie folgen ohne Vorgaben durch eine Bleistiftzeichnung. Das ist offensichtlich schwer für ihn und interessant für mich, denn hier zeigt sich, wie sehr der starre Unterricht z.B. das Malverhalten bestimmt. Der Pinsel wird nicht frei geführt, sondern bewegt sich innerhalb vorgegebener Linien. Während die Kinder relativ schnell verstehen, wie viel schöner es ist, einfach Farbe auf die Leinwand zu bringen und zu improvisieren, braucht der Lehrer dafür fast bis zum Ende der Unterrichtszeit. Aber am Ende schafft er es und ist sehr zufrieden. Er hat etwas gespürt und verstanden. Und am allerschönsten ist, dass er zwei Tage später, als ich komme, um mit einer weiteren Klasse zu malen, eigenständig Initiative ergreift und auch in seiner Klasse erneut Malunterricht anbietet und diesen selbständig gestaltet. Juppie. So habe ich mir das gewünscht. Und es lässt sich umsetzen, weil am Ende noch genug Material übrig ist, um weiter solchen Unterricht anzubieten. Das letzte Projekt findet am Mittwoch mit den wirklich kleinsten Schülern statt. Sie hatten den Auftrag, jeder ein bis zwei mittelgroße Steine (in der Größe einer Mango) mitzubringen, aber sicherheitshalber sammeln George, Karo und Lotti mit mir am Morgen noch welche.
Wieder startet der Unterricht mit der Demonstration der Farben und ihrer jeweiligen Entstehung. Wieder fragen wir danach, ob die Kinder einen Regenbogen kennen und ob sie die Farben des Regenbogens auf dem Teller mit unseren gemischten Farben wiederfinden. Wieder erkläre ich, dass das Licht die Summe aller Farben ist und der Regen zusammen mit der Sonne das Licht in seine einzelnen Farben aufbricht. Nie wurden Steine inniger bemalt, nie war der Eifer dabei größer als hier, da bin ich mir sicher. Auch der Lehrer dieser Klasse hat an der Aktion teilgenommen. Es war das erste Mal für ihn, dass er kreativ gemalt hat. Die Steine hat er nach dem Trocknen im Klassenzimmer zusammengelegt und plant damit weitere Aktionen… Man kann gespannt sein.


















Vielen Dank Martina !!!!

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